Märchenpraxis

Aktualisiert: Jan 8

Märchenpraxis

von Bärbel Bitterlich

In einer Zeit, wo es nur um äußere Dinge geht, die Sinne der Kinder ständig auf eine Flut von Bildern und Eindrücken gelenkt werden, ist es besonders wichtig, dass man als Erzieher versteht die Kinder wieder zu sich selbst zu führen. Sie müssen wieder Möglichkeiten finden eigene Bilder zu entfalten, einmal weg von vorgegebenen Bildern, Zerstreuungen und Geräuschen. Es darf einmal ganz still werden in den Seelen. Für dieses Ziel sind Märchen gute Hilfsmittel. Leider sind Kinder in der heutigen Zeit sehr stark auf Äußeres fixiert, so dass es gar nicht einfach ist sie zur inneren Ruhe zu bringen und zum Zuhören zu bewegen. Deshalb ist es ratsam mit den Kindern erst einen „Weg“ bis zum Märchen zu gehen. Bevor man in das „märchenhafte“ Zimmer kommt, gehen alle Kinder durch einen „goldenen Reifen“, denn das Märchenland ist nur auf diesem „Weg“ erreichbar. Im Zimmer könnte sich eine Kerze befinden und einige kleine Dinge, die vielleicht im Märchen vorkommen (z.B. Blätter, Honig). Wenn es sich anbietet kann man ein Körbchen herum geben, in dem sich etwas Verborgenes befindet. Die Kinder dürfen fühlen, was es sein könnte, es aber nicht verraten (vielleicht ein Apfel). Vor dem Erzählen wäre es schön, wenn man eine Klangschale benutzt oder ein anderes Instrument. Wenn die Kinder nun etwas innere Ruhe gefunden haben, ist es gut die Phantasie anzuregen. Zum Beispiel kann man die Kinder fragen, wo sie den glaubten, dass die Märchen herkommen. Da kommen unterschiedliche Vorstellungen. Man könnte erzählen: „Sehr weit musste ich gehen, über sieben Berge und sieben Königreiche. Dort wo das kleine Ferkel mit dem kurzen Ringelschwänzchen in der Erde gräbt, gleich dort steht ein Baum, der ist unten so dünn wie mein Unterarm, weiter oben wie mein Oberarm und ganz oben wie mein Leib. Ganz oben in seinen Wipfeln, man kann es kaum noch sehen, hängt ein zerschlissener, roter Kittel, der hat 77 Falten und in der 77. Falte fand ich ein glitzekleines Märchenbuch. Als ich es aufschlug fand ich auf der 14. Seite dieses Märchen.“



​ Nach solch einer Einleitung sind die Kinder ganz gespannt und nun herrscht auch die richtige Erzählatmosphäre für ein Märchen. Der Erzähler sollte das Märchen auswendig erzählen können. Die Kinder müssen genug Zeit beim Erzählen haben um eigene Bilder zu produzieren. Deshalb ist es auch gut, wenn man langsam erzählt. Schön ist bei dieser Arbeit, wenn die Kinder nicht klatschen. Das zerstört diese Atmosphäre. Nach dem Märchen erklingt die Klangschale noch einmal. Anschließend verteilt man vielleicht, wenn es im Märchen um einen Apfelbaum ging einen schönen roten Apfel., oder kleine Perlen, wenn im Märchen die Perlen der Königstochter zu suchen waren. Äpfel sollten aber keine Flecken haben. Sie müssen so richtig märchenhaft rot und appetitlich sein. Wenn die Zusammenkunft beendet ist, gehen alle Kinder erst wieder aus dem „goldenen Reifen“ heraus, denn im Märchenland kann man nicht immer bleiben, aber man kann wiederkommen. Es ist für die Kinder ganz entscheidend, dass sich die Atmosphäre für das Märchen erst langsam aufbaut, damit sie sich auch darin zu Recht finden. Sie spüren, dass genug Zeit vorhanden ist. Es dürfen also innere Bilder aufsteigen. Schön ist es auch, wenn nach der Märchenstunde die Schüler ihre inneren Bilder malen dürfen mit weichen Wachsmalern oder Pastellkreiden Als Pädagoge sollte man, meines Erachtens, kein Märchen „zerpflücken“ oder die Bilder deuten, denn jedes Kind äußert da etwas ganz Eigenes. Deshalb sind es auch keine Werke, die man aushängen kann. Für den Erzähler ist es gut zu wissen, welche Symbolsprache sich in den Märchen befindet, aber für die Kinder sollte das noch keine Rolle spielen. Kinder verstehen die Märchen noch in ihrer Gesamtheit. Wichtig ist bei der Wahl der Märchen zu beachten, dass es zum Alter der Kinder passt bzw. auch zur Jahreszeit. Auch sollten Märchen nicht zu grausam sein, denn es ist immer schwer einzuschätzen, wie das einzelne Kind reagiert.

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