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  • Bärbel Bitterlich

Warum ich mich auf Weihnachten freu…..


Warum ich mich auf Weihnachten freu…..

„Warum ich mich auf Weihnachten freu“, erzählt der Junge im Radio um gleich fortzusetzen

„Do gibt’s die schiene Esserei.“

Lynn hört das und wundert sich sehr. Nur aufs Essen freut der Junge sich? Scheint so, denn jetzt zählt er alles auf, was Weihnachten bei ihm auf dem Tisch stehen soll.

Lynn wundert sich wieder. Bei diesen Mengen kann es einem doch nur richtig grummelig im Bauch werden.

Aber bald gehen dem kleinen Mädchen ganz andere Gedanken durch den Kopf.

Heißt es da nicht in einem Adventslied:

„ Meine Puppen sind verschwunden,

Hab nicht mal den Bär gefunden!

So viel Heimlichkeit,

in der Weihnachtszeit!“

Ein kurzer Blick in ihr Reich, huch alle noch da. Lynn ist erleichtert.

Aber das alle ihre Spielsachen am Beginn der Adventszeit noch da sind, will jetzt gar nichts besagen.

Lynn erinnert sich noch genau an das letzte Jahr. Plötzlich fehlte ihr heißgeliebter Teddy. Lynn suchte hier und suchte dort, vergeblich. Teddy Brumm fand sich nirgends und dabei war sich Lynn doch ganz sicher. Gestern saß er noch vergnügt neben ihren Puppen. Über das Wort vergnügt im Zusammenhang mit ihrem Teddy hätte man im vorigen Jahr durchaus streiten können. Das linke Ohr hing herab und mit den schlaffen Beinchen würde er beim Laufen große Probleme haben. Durch ein vermaledeites Loch verlor der Teddy Korn um Korn seines Innenlebens.

Aber die Angelegenheit ging doch gut aus. Am Weihnachtsabend saß Teddy Brumm aufrechten Ohrs auf seinen nunmehr strammen Beinen unter dem Weihnachtsbaum.

Auch die neue rote Weste stand dem kleinen Bären ausnehmend gut.

Lynns Mami meinte damals augenzwinkernd: „Ja schau sich doch einer mal diesen Teddy an. Der muss wohl zu Kur gewesen sein und die ist ihm ausgezeichnet bekommen.“

Wie hatte sich Lynn damals über das Wiedersehen mit ihrem Teddy Brumm gefreut.

Nur so etwas den Freundinnen zu erzählen, das war nicht leicht. Das verstanden Lynns Freundinnen überhaupt nicht.

Und überhaupt meinte da die Elli. Bei mir verschwinden doch keine Puppen. Gerade in der Adventszeit kommen eher ständig welche dazu.

Ellis größte Freude im Advent war der Weihnachtsmarkt, jeden Tag, jeden Tag Punkt 16 Uhr. Denn dann kommt der städtische Ruprecht mit seinem Geschenkesack.

„Ho, Ho, Ho, ihr lieben Kinder, seid ihr alle artig gewesen und wollt ihr ein Geschenk?!“

Schon steht Elli ganz vorne in der Kinderreihe, deklamiert mit viel Geschick und noch mehr Routine: „ Advent, Advent ein Lichtlein brennt“ Unten hauchen die Oma und die Mama von Elli: „Och ist sie nicht süß unsere Kleine!“ Inzwischen hat sich Elli eines der Päckchen geschnappt und ist weg- bis morgen.

Einmal drängte Elli Lynn mitzukommen. Schon in der Anstehreihe war Lynn nicht ganz wohl und vor dem Ruprecht fiel ihr kein Spruch ein, nicht der klitzkleinste.

Ruprecht versuchte zu trösten: „Aber du bist doch schon ein großes Mädchen, irgendwas kannst du doch aufsagen. Du willst doch auch ein Geschenk oder?“ Nein, Lynn fiel nichts ein und am liebsten wäre sie im Boden versunken. Lynn kannte plötzlich keine Gedichte, keine Sprüche, keine Lieder mehr- Freundin Elli schon und so durfte Elli diesmal mit zwei Päckchen heimziehen. „Toll“ meinte damals Elli „zwei Pakete sind Rekord nun muss ich es nur noch schaffen fünf Adventsfeiern zu besuchen!“ Oma und Mama durften an diesem Tag zweimal hauchen-„Ach ist sie nicht süß die Kleine!“ und ein bisschen mitleidig über diese Lynn, von der sie ja schon einiges gehört hatten den Kopf schütteln.

Lynn mied in diesem Jahr den Weihnachtsmarkt, ganz besonders wenn sich die Uhr Richtung 4 Uhr nachmittags bewegte.

Aber das lag nicht nur daran das Ruprecht immer 4Uhr nachmittags kommt. 4Uhr nachmittags kommt auch der Papa von der Arbeit heim. Der trinkt dann ganz gemütlich mit seiner Tochter Kaffee, schaut Lynn tief in die Augen und fragt: „Was mag den der Adventskasper heute so erlebt haben? Wollen wir rübergehen und ihn fragen? Aber vorher möchte ich noch das neue Fenster in deinem Adventskalender kennenlernen.“ Lynn liebte das über alles. Papa würde, wie jeden Tag eine brennende Kerze hinter den Kalender aufstellen und dann würden die schon offenen Fenster geheimnisvoll zu leuchten beginnen- so viel Heimlichkeit in der Weihnachtszeit- und Papa würde meinen: „ Da liegt doch eine Geschichte in der Luft? Komm die wollen wir jetzt erleben“ und dann „ Kasper –wo bist du.“

Anton, Lynn‘s Kindergartenfreund besitzt auch einen Adventskalender. Adventskalender mit Geschichten sind Blödsinn sagt der immer. Anton hatte heute einen supergroßen Schokoladenkalender bekommen, neueste Ausführung, wo man zweimal am Tag aufmachen kann.

Zweimal Schokolade für Anton, da konnten Lynn‘s Bilderchen wirklich nicht mithalten. Da war sich Anton ganz sicher

Mutti fragte gerade eben Lynn, ob am Wochenende wieder eine Plätzchenfeier stattfinden sollte, nur für uns Frauen? Sicher weiß jetzt keiner so recht was eine Frauenplätzchenfeier sein soll?

Nun Lynns Mama und natürlich Lynn werden am Wochenende jede Menge Plätzchen backen. Das findet Lynn schön. Aber das Schönste wird danach kommen. Die Plätzchen werden in eine rote Dose gelegt. Mama wird eine Tasche packen. Die zwei Damen werden sich warm anziehen und zur nächsten Straßenbahnhaltestelle gehen. Fünf Haltestellen weiter werden die Beiden am Ziel sein: Seniorenheim Werther Weg. Dort wohnt seit einigen Jahren ihre alte, liebe aber leider ehemalige Nachbarin Oma Hertwig. Und Oma Hertwig wird sich, wie voriges Jahr, riesig freuen.

Riesig freuen wird sich auch Lynn. Sie wird sich dann wieder erinnern dass Verschenken zuweilen vielmehr Freude bereiten kann als Geschenke zu bekommen.

Neulich hörte Lynn, wie ihre Oma, also die richtig Oma, die Mama von Lynns Mama, also wie die zu Lynns Mama sagte:

„Wollt ihr in diesem Advent dem Kind wieder alles vorenthalten? Darf es wieder fast keine Schokolade und auf keinen Fall Geschenke außerhalb von Nicolaus und Heilig Abend für das Mädchen geben? Meint ihr, ihr tut dem Kind mit Kasperltheater und beschwerlichen Altersheimreisen einen Gefallen. Man muss doch endlich mit der modernen Zeit gehen!“

Lynns Mama erwiderte:“ Mit dem ganzen Kram, wie du es nennst, beginnt in der kleinen Lynn ein Advents- also ein Erwartungslichtlein zu leuchten, das Weihnachten zu einem strahlenden Kinderstern erglüht und später auch die erwachsene Lynn tief erfüllt.

Wir schenken unserem Kind das Wichtigste was wir haben, unsere Liebe und das können wir wenn wir der Kleinen jetzt unsere ganze Aufmerksamkeit und einiges von unserer Zeit schenken. Wir wollen eine lichte Stille vor dem Fest für unser Kind, statt dieser lärmenden aber alles lähmenden Fülle.

Was da geredet wurde, unter den Erwachsenen, hat Lynn nicht so ganz verstanden. Ihr schon- stimmts?

Oma jedenfalls sagte zum Thema Advent, Weihnachten, Geschenke und mit der Zeit gehen erst einmal nichts mehr. Ob auch sie etwas verstanden hat?

Würde man Lynn jetzt fragen, ob ihr die Zeit und das Warten bis Weihnachten nicht doch recht schwer werde? Lynn wäre sehr erstaunt, genauso erstaunt wie über den Jungen im Radio. Der ist mit seinem Gedicht fast am Ende- „ Und ist der Bauch gerammelt voll, morg’n gibt’s das Selbe noch emol!“

Ist das wirklich Weihnachten denkt Lynn so für sich, armer Kerl

Jens Bitterlich

www.schulberatung-bitterlich.de


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